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Flucht ins Ungewisse

Rückblick: Ausstellung im Hamburger Rathaus über die Lebenswege Exilierter, die zwischen 1933 und 1939 aus der Hansestadt flohen.

Montag, 11. November 2019 - 7:00 bis Dienstag, 26. November 2019 - 19:00
Hamburger Rathaus

Die Ausstellung »Flucht ins Ungewisse - Hamburger Persönlichkeiten im Exil« portraitiert Politiker, Wissenschaftlerinnen und Kulturschaffende, deren Berufswege von Verfolgung, Flucht, Karriereabbrüchen und Neuanfängen geprägt waren. Hamburg ist in den Werdegängen der Porträtierten teils Ausgangs-, teils Rückkehrort. Einige wurden hier ihrer materiellen Existenz beraubt und fortgejagt, andere fanden nach beendetem Exil unverhofft in der Hansestadt eine neue Gestaltungsaufgabe und Wirkungsstätte. So unterschiedlich die Schicksale waren, so eindrücklich führen sie vor Augen, welche Verluste, Unsicherheiten und Brüche mit dem Exil verknüpft waren und sind.

Als Kooperationsprojekt verbindet die Ausstellung das Anliegen der Herbert und Elsbeth Weichmann Stiftung und der Körber-Stiftung. »Vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen von Ausgrenzung und Verfolgung möchten wir mit der Ausstellung eine Brücke in die Vergangenheit schlagen, um Kontinuitäten der Exilerfahrung aufzuzeigen und die historische Verantwortung Deutschlands als Exilland bewusst zu machen«, sagt Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender beider Stiftungen.

Die Herbert und Elsbeth Weichmann-Stiftung besteht seit 1989. Sie bewahrt das Andenken ihrer Namensgeber, des Ehepaars Weichmann, das 1933 über die Tschechoslowakei zunächst nach Frankreich und dann in die USA foh und dort Jahre des Exils verbrachte. 1948 kehrte das Ehepaar nach Deutschland zurück und wirkte maßgeblich am Aufbau der Demokratie mit.

Mit ihrem Fokusthema »Neues Leben im Exil« engagiert sich die Körber-Stiftung für Menschen, die in Deutschland im Exil leben und hier ihre Erfahrungen von Krieg und Flucht, vom Verlust der Heimat und vom Ankommen in einer fremden Kultur reflektieren. Sie möchte die journalistischen, künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten der Menschen sichtbar machen, ihnen eine Stimme im gesellschaftlichen Dialog geben und so den Zusammenhalt stärken.

 

Alle Porträtierten der Ausstellung im Überblick

Bernhard Abramowitsch

»Liebe Eva, es ist so schlimm, dass das Konsulat Dich so lange warten lässt, aber ich hoffe, bald von Dir zu hören, dass Du Dein Visum bekommen hast. Hab Geduld, es kann nicht mehr lange dauern.«
Bernhard Abramowitsch am 25.11.1939 aus San Francisco an seine noch in Deutschland ausharrende zukünftige Frau Eva Koretz. Sie heirateten 1940 in den USA. Familie Abramowitsch.

Der Pianist Bernhard Abramowitsch wuchs als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg auf. Er erhielt seine musikalische Ausbildung bei dem seinerzeit berühmten Pianisten Paul Strecker. Als junger Mann gab er in der Musikhalle Hamburg Solo-Klavierabende und Klavierkonzerte mit großem Orchester. Kritik und Publikum priesen sein nuanciertes, virtuoses Spiel und seine mit Präzision gepaarte Sensibilität. Ab dem Jahr 1933 konnte er nur noch Konzerte in Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes spielen. In diesem Rahmen führten ihn umjubelte Gastspiele nach Lübeck und Frankfurt am Main. Nach einem Abschiedskonzert in Lübeck am 19. Oktober 1936 emigrierte er ohne seine Partnerin in die USA. Sie konnte erst 1940 folgen. Bereits 1937 gab er im Gastland einen ersten Klavierabend mit Werken klassischer und zeitgenössischer Komponisten. Bald galt er als einer der besten Pianisten des Landes. Durch eine Konzertreihe mit sämtlichen Sonaten Franz Schuberts brachte Abramowitsch diesen Komponisten erstmals dem amerikanischen Publikum nahe.

 

Walter A. Berendsohn

»Die Bemühung um Vorträge macht mir immer bewusst, dass ich als Flüchtling ohne feste Stellung vom Abfall am Rande der Gesellschaft lebe, wirklich ähnlich wie ein Landstreicher.«
Walter A. Berendsohn: Mein Weg zum Weltbürger. Unveröffentlichtes Manuskript, Privatarchiv Rolf Martin Berendsohn, undatiert.

Walter A. Berendsohn stammte aus einer alten Hamburger Familie des assimilierten jüdischen Mittelstands. Nach seinem Germanistikstudium kämpfte er, inzwischen promoviert, im Ersten Weltkrieg als Soldat. Ab 1919 lehrte er an der Hamburgischen Universität Literaturgeschichte. Als Sozialdemokrat und Jude war er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten doppelt gefährdet. Als die Universität ihn 1933 zwangsweise in den Ruhestand versetzte, emigrierte er mit seiner Familie ins dänische Exil und schlug sich als Publizist und Vortragsreisender durch. Nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen entging er 1943 in letzter Minute in einem Ruderboot nach Schweden der Deportation. Dort war er als Archivar und Literaturwissenschaftler tätig und begründete im Alter von 85 Jahren die Exilliteratur-Forschung. Sein Wunsch, nach Kriegsende an die Universität Hamburg zurückzukehren, wurde durch Intrigen früherer Kollegen vereitelt. Erst 1982 leistete seine frühere Alma Mater Abbitte und verlieh dem 98-Jährigen die Ehrendoktorwürde.

 

Gertrud Bing

»… ich will Ihnen … die immerhin angenehme Mitteilung machen, dass Bücher, Photosammlung und Diapositive hier sind und dass sie – in 534 Kisten verpackt – morgen im Thames House abgeladen werden.«
Gertrud Bing an Ernst und Toni Cassirer am 17.12.1933 über die Verbringung der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg nach London, in: Ernst Cassirer: Ausgewählter wissenschaftlicher Briefwechsel, Hamburg 2009.

Die Kunsthistorikerin und Philosophin Gertrud Bing wuchs als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Hamburg auf. Nach ihrer Promotion bei dem Philosophen Ernst Cassirer arbeitete sie als Bibliothekarin in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (K.B.W.). Dort wurde sie die engste Mitarbeiterin von deren Gründer Aby Warburg. Schon früh war die K.B.W. Zielscheibe nationalsozialistischer Propaganda. 1933 sorgte Bing dafür, dass die rund 200.000 wertvollen Bände aus Hamburg nach London in Sicherheit gebracht wurden. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, dem K.B.W.-Leiter Fritz Saxl, erreichte sie die Eingliederung der Bibliothek – nun als Warburg Institute – in die University of London. Im Exil verhalf sie verfolgten Freunden und Kollegen zur Flucht aus Deutschland und Österreich. Nur zögernd nahm sie nach dem Krieg den Kontakt zu den alten Freunden in Deutschland wieder auf. Der Aufstieg in höchste Führungspositionen war ihr als Frau lange verwehrt. Erst 1955 wurde sie als Professorin für Geschichte auch Direktorin des Warburg Institute.

 

Fritz Block

»Wir denken, dass wir hier ein glückliches Leben haben werden … Ein neues Leben in einem schönen Land. Es ist besser, den Rest zu vergessen.«
Fritz Block in einem Interview mit dem Hollywood Citizen-Examiner am 24.3.1939 aus Anlass seines 50. Geburtstages, in: Roland Jaeger: Block und Hochfeld: die Architekten des Deutschlandhauses, Berlin 1996.

Der Architekt und Fotograf Fritz Block wuchs in Warburg in einer jüdischen Familie auf. Nach Studium und Promotion führte ihn sein Berufsweg über Düsseldorf, Königsberg und Berlin nach Hamburg. Hier gründete er 1921 mit Ernst Hochfeld ein Architekturbüro und realisierte neben privaten und öffentlichen Wohnhäusern 1928/29 das Großprojekt Deutschlandhaus am Gänsemarkt. 1933 wurde ihm durch den Ausschluss aus dem Bund Deutscher Architekten die Basis für seine Tätigkeit als Architekt entzogen. Auch seine architekturpublizistische und fotojournalistische Arbeit musste er einstellen. Letzte Bauaufgaben stammten aus dem Umkreis der jüdischen Gemeinde. 1938 wurde er beim Versuch, aus Deutschland auszureisen, verhaftet und mehrere Tage im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Gleich nach seiner Freilassung emigrierte er mit seiner Frau in die USA. Dort baute er sich eine freiberufliche Existenz als Fotograf auf. Der seit August 2019 erfolgende Abriss des Deutschlandhauses ist in Hamburg angesichts von Blocks Bedeutung als einem der führenden Vertreter des Neuen Bauens umstritten.

 

Max Brauer

»Ich glaube … fest daran, dass dieses demokratische Deutschland die Achtung und das Vertrauen der Welt zurückgewinnen wird und dass andere Länder … uns helfen werden, damit wir recht bald aus eigener Arbeit leben können.«
Max Brauer in einer Ansprache an die Hamburger am 13.12.1946. Deutsche Wochenschau Filmarchiv.

Max Brauer wuchs als achtes von dreizehn Kindern eines Glasbläsers in der preußischen Stadt Altona in ärmlichen Verhältnissen auf. Er bildete sich in jungen Jahren selbst fort, trat in die SPD ein und engagierte sich politisch als Arbeiterführer. 1924 wurde er – 37-jährig – in Altona zum Oberbürgermeister gewählt. Von den Nationalsozialisten als Sozialdemokrat bedroht, ging er im März 1933 über Österreich und die Schweiz zunächst nach Frankreich ins Exil. Im Auftrag des Völkerbundes beriet er 1934/35 in China die dortige Regierung beim Aufbau der Verwaltung. Die Eingewöhnung in die fremde Kultur fiel ihm schwer, und er litt unter der Trennung von seiner in Genf lebenden Familie. Zurück in Paris, entging er 1935 nur knapp der Auslieferung nach Deutschland. Es folgte ein mehrjähriger Aufenthalt in den USA, wo er mit politischen Vorträgen über das NS-Regime seine Familie ernähren konnte. 1946 kehrte er ins zerstörte Hamburg zurück und war – mit einer Unterbrechung – bis 1960 Erster Bürgermeister der Hansestadt.

 

Ernst Cassirer

»Nichts konnte mir innerlich-stärkender sein als das Urteil, das Sie über meine Lehrtätigkeit in Hamburg fällen. … es bedarf Worte wie der Ihrigen, um die Bitterkeit der letzten Erfahrungen zu lindern.«
Cassirer am 16.11.1933 an Hamburgs früheren Ersten Bürgermeister Werner von Melle, in: Ernst Cassirer: Ausgewählter wissenschaftlicher Briefwechsel, Hamburg 2009.

Ernst Cassirer entstammte dem wohlhabenden jüdischen Bürgertum in Breslau. 1919 wurde er auf den Lehrstuhl für Philosophie an der gerade gegründeten Hamburgischen Universität berufen. Hier schuf er in engem Austausch mit der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg einige seiner wichtigsten Werke. 1929/30 war er Rektor der Universität und damit einziger Rektor jüdischen Glaubens an einer deutschen Hochschule während der Weimarer Republik. Als einer der ersten Juden verließ er Deutschland angesichts antisemitischer Ausgrenzung im März 1933 gemeinsam mit seiner Frau. Wenig später bat er die Hamburger Hochschulbehörde um Enthebung von seinen akademischen Ämtern. Damit kam er der Versetzung in den Zwangsruhestand zuvor, die einige Monate danach aufgrund neuer judenfeindlicher Gesetze folgte. Dank seines internationalen Ansehens konnte er während Gastprofessuren in Großbritannien, Schweden und den USA weiter lehren und forschen. Wegen der Nachrichten über die Judenvernichtung in Europa war er in ständiger Sorge um seine dortigen Angehörigen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte er nicht mehr.

 

Ingolf Dahl

»Wie merkwürdig, selbst Deutsch zu sein … ich sehne mich danach, aus meiner Sprache herauszukommen, denn jeder wird mich zu einem dieser hasserfüllten Menschen zählen.«
Melina Paetzold: Ingolf Dahl, Biografie eines musikalischen Wanderers, Hamburg 2019.

Der Komponist, Dirigent und Pianist Ingolf Dahl wuchs in Hamburg als Sohn eines angesehenen Anwalts jüdischer Herkunft und dessen schwedischer Frau auf. Einer seiner Brüder war der Bildhauer Gert Marcus. Dahl erhielt seine musikalische Ausbildung in Deutschland und der Schweiz. Aus gesundheitlichen Gründen und um dem Antisemitismus in Deutschland auszuweichen, ging er 1932 nach Zürich. In den Folgejahren gab er erfolgreich Konzerte in mehreren europäischen Ländern. 1939 emigrierte er in die USA. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand er Zugang zur dortigen Musikszene und arbeitete mit Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und Otto Klemperer zusammen. Bis zu seinem frühen Tod lehrte er an Musikschulen und -hochschulen, trat als Pianist und Dirigent auf, war als Dozent tätig, leitete Festivals und erhielt Kompositionsaufträge, Stipendien und Auszeichnungen. 2015 wurde er von Hamburger Künstlern wiederentdeckt und mit der Uraufführung eines in Los Angeles aufgefundenen nachgelassenen Werkes geehrt.

 

Alice Ekert-Rotholz

»Langsam verschwand die Vaterstadt hinter einer Wolkenwand. Würde man sie jemals wiedersehen? Die Stadt barg alle Freuden und Leiden der jungen Jahre; man hatte jedes geheime Entzücken und jeden geheimen Schmerz an die Alster oder an die Elbe getragen.«
Alice Ekert-Rotholz: Siam hinter der Bambuswand, Frankfurt am Main 1953.

Die Dichterin und Schriftstellerin Alice Ekert-Rotholz wuchs im großbürgerlichen Stadtteil Harvestehude als Tochter eines britischen Kaufmanns und einer deutsch-jüdischen Musikerin auf. In den 1920er Jahren veröffentlichte sie erste Artikel und Gedichte in Hamburger Tageszeitungen. Überregional bekannt wurde sie durch die Veröffentlichung ihrer Gedichte in Carl von Ossietzkys Wochenzeitschrift Die Weltbühne. 1935 wurde sie in Hamburg von der Gestapo verhaftet. Man warf ihr vor, in der Schweiz regimekritische Schriften veröffentlichen zu wollen. Vier Monate war sie im Konzentrationslager Fuhlsbüttel und im Untersuchungsgefängnis interniert. 1939 floh sie mit ihrer Familie über England, Frankreich und Ägypten nach Bangkok. Dort war sie in der katholischen Missionsarbeit aktiv. Sie bereiste das Land und gewann Freunde, wurde aber nie ganz heimisch. 1951 kehrte sie nach Hamburg zurück und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem ersten Roman Reis aus Silberschalen gelang ihr der literarische Durchbruch. Ihre Bücher über west-östliche Begegnungen wurden in viele Sprachen übersetzt. Nach dem Tod ihres Mannes siedelte sie nach London über, wo sie bis zu ihrem Tod lebte.

 

Georges-Arthur Goldschmidt

»Ich dachte aber kaum an die Eltern, nach und nach hatte ich vermocht, sie aus meinem Denken zu vertreiben, um nicht vor Heimweh umzukommen.«
Georges-Arthur Goldschmidt: Über die Flüsse, Hamburg 2003.

Der deutsch-französische Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt (ursprünglich Jürgen-Arthur) stammt aus einer alteingesessenen protestantischen, ehemals jüdischen Familie in Reinbek bei Hamburg. Sein Vater, ein angesehener Jurist, stieg in der Weimarer Republik zum Oberlandesgerichtsrat auf. 1938 schickten die Eltern den Zehnjährigen zum Schutz vor antisemitischer Verfolgung zu Verwandten nach Italien und später nach Frankreich ins Exil. Dort wurde er während der deutschen Besatzung in Megève (Savoyen) in einem protestantischen Internat und bei Bergbauern versteckt. Als Kind und Jugendlicher litt er unter schwerem Heimweh. Seine Eltern sah er nie wieder. Nach Kriegsende wurde er – inzwischen französischer Staatsbürger – Deutschlehrer bei Paris, später vielfach ausgezeichneter freier Schriftsteller, Übersetzer und Essayist. Wiederholt verarbeitete er Heimatverlust und Entwurzelung literarisch. An den Ort seiner Kindheit kehrte er nur einmal zurück, doch Hamburg besuchte er mehrfach. Seit mehr als 60 Jahren lebt er mit seiner Frau in Paris.

 

Gertrud Goldschmidt

»Ich ließ die Couch und den Hocker aus meinem Zimmer von der Wohlfahrt abholen, schloss das Haus ab und warf (vor mir selber ostentativ) den Hausschlüssel in die Alster!
Hamburger Kunsthalle: GEGO – Line as Object, Berlin / Stuttgart 2013.

Die Künstlerin Gertrud Goldschmidt, genannt Gego, stammte aus einer liberalen jüdischen Familie in Hamburg. Im großbürgerlichen Stadtteil Harvestehude nahe der Alster verlebte sie eine unbeschwerte Kindheit. Nach ihrem Architekturstudium in Stuttgart floh sie im August 1939, unmittelbar vor Kriegsbeginn, ins englische Exil. Ihre Kunstsammlung und ihre Bibliothek gingen verloren. Als sie überraschend ein Visum für Venezuela erhielt, emigrierte sie dorthin, obwohl sie keinerlei Spanisch-Kenntnisse hatte. Sie war völlig mittellos und auf die Unterstützung von Freunden angewiesen. Mühsam schlug sie sich in Caracas als Produktdesignerin und Architektin durch, zeitweilig fertigte sie Holzlampen und Kleinmöbel. Nach dem Krieg entwickelte sie filigrane Rauminstallationen aus feinem Draht und Metall. Sie errang mit ihrer Kunst hohes Ansehen und wurde mit ihrer revolutionären Auffassung von Linie, Skulptur und Zeichnung im Raum wegweisend für eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern in Lateinamerika. Nach Hamburg kehrte sie nicht wieder zurück.

 

Arie Goral

»Ich erinnere mich an Stätten des Exils, in denen ich, wenn ängstigende Abenddämmerung aufkroch, durch die Straßen und Anlagen schlich und nach einer Unterkunft Ausschau hielt.«
Arie Goral: An der Grenzscheide, Münster / Hamburg 1994.

Der jüdische Schriftsteller, Dichter, Maler und politische Aktivist Arie Goral verbrachte einige Jahre seiner Kindheit und Jugend in Hamburg. Er schloss sich der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung an und bereitete Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vor. Nachdem er von SA-Leuten vor tatenlos zusehenden Zeugen zusammengeschlagen worden war, floh er 1933/34 über Frankreich nach Palästina. Dort nahm er den hebräischen Namen Arie Goral an und arbeitete in einem Kibbuz. In Jerusalem gehörte er dem Kreis um die Dichterin Else Lasker-Schüler an. Nach seiner Teilnahme am Unabhängigkeitskrieg von 1948 richtete er Malstudios für kriegstraumatisierte Kinder ein. 1953 kehrte er nach Hamburg zurück. Seit den 1960er Jahren kämpfte er gegen restaurative und antisemitische Tendenzen in der Hansestadt. Er sorgte für die Errichtung eines neuen Heine-Denkmals auf dem Rathausmarkt, deckte Intrigen gegen den 1933 zwangspensionierten Wissenschaftler Walter A. Berendsohn auf und erreichte die Benennung der Universitätsbibliothek Hamburg nach dem ermordeten Antifaschisten Carl von Ossietzky.

 

Sabine Kalter

»Ich will Ihnen beiden sagen, wie sehr mich Ihre treue Anhänglichkeit freut und rührt. Es sind Menschen wie Sie beide, die einem das harte und ruppige Leben etwas angenehmer machen.«
Sabine Kalter am 30.3.1957 an den Archivar der Hamburgischen Staatsoper Joachim E. Wenzel und seine Frau. Privatarchiv Stefan Wulf.

Die in Budapest aufgewachsene Mezzosopranistin Sabine Kalter debütierte 1911 in Wien. 1915 wurde sie vom Hamburger Stadttheater engagiert und zum umjubelten Star des Opernlebens in der Hansestadt. Sie sang Werke zeitgenössischer Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold, Igor Strawinsky und Paul Hindemith und feierte mit Verdi-Partien und als Wagner-Interpretin Triumphe. Dank ihrer Popularität war sie zunächst vor antisemitischer Verfolgung geschützt und wurde sogar bei nationalsozialistischen Feierlichkeiten engagiert. Doch zum Jahreswechsel 1934/35 kündigte das Stadttheater die Zusammenarbeit mit ihr auf. Als sie im Januar 1935 ein letztes­ Mal die Partie der Lady Macbeth sang, provozierten Angehörige der SA Tumulte im Publikum. Am Tag darauf verließ sie nach 20 Jahren Ensemblezugehörigkeit als letztes »nicht-arisches« Mitglied die Oper. Gemeinsam mit ihrer Familie ging sie ins englische Exil. Bis 1937 lud der Hamburger Jüdische Kulturbund die Sängerin zu vereinzelten Aufführungen nach Hamburg ein. Während ihrer Zeit in England konnte sie an ihre internationalen Erfolge als Opernsängerin nicht mehr anknüpfen. Als Liedsängerin und Gesangpädagogin lebte sie in bescheidenen Verhältnissen. Nach Kriegsende besuchte sie mehrmals Hamburg. 1950 gab sie einen letzten Liederabend in der Hamburger Musikhalle. Das Bühnengebäude der Oper betrat sie nie wieder.

 

Gert Marcus

»Jedenfalls heutzutage ist es am wichtigsten zu versuchen, dass Kriege verhindert werden.«
Gert Marcus an die Kunsthistorikerin Maike Bruhns am 20.3.2007. Maike Bruhns: Geflohen aus Deutschland. Hamburger Künstler im Exil 1933–1945, Bremen 2007.

Der Bildhauer und Maler Gert Marcus stammte wie sein Bruder, der Komponist Ingolf Dahl, aus einer gebildeten Familie des assimilierten jüdischen Bürgertums im Hamburger Stadtteil Groß Borstel. Als »Jude« musste er 1933 seine Ausbildung an der Hamburger Lichtwarkschule abbrechen. Er emigrierte ins Heimatland seiner Mutter – nach Schweden. Dort bildete er sich autodidaktisch fort und wurde zu einem der angesehensten bildenden Künstler des Landes. Zahlreiche Einzelausstellungen würdigten seine Arbeit, 1986 wurde er an die Kunstschule in Göteborg berufen. Auch international erwarb er sich mit seinen großformatigen Marmorskulpturen hohe Anerkennung. Seine Werke wurden außer in Schweden auch in Frankreich, Italien und Israel dauerhaft im öffentlichen Raum installiert und 1993 auch in Deutschland ausgestellt. In Hamburg blieb er nahezu unbekannt. Erst 2015 wurde er von einer Groß Borsteler Initiative wiederentdeckt und mit der Benennung einer Straße geehrt. Die Installation einer seiner Skulpturen ist geplant.

 

Albrecht Mendelssohn Bartholdy

»… an die Frau Magister Schoch in Hamburg, in den Tagen, in denen Freundschaft allein besteht und bestehen hilft, Mai, 1933.«
Handschriftliche Widmung von Albrecht Mendelssohn Bartholdy in einem Geschenk an seine Mitarbeiterin Magdalene Schoch. Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte, Hamburg.

Der Jurist und Politikwissenschaftler Albrecht Mendelssohn Bartholdy stammte aus einer berühmten jüdischen Gelehrten- und Künstlerfamilie. Der evangelisch getaufte Urenkel des Philosophen Moses Mendelssohn und Enkel des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy war neben seiner wissenschaftlichen Arbeit auch künstlerisch tätig. 1919 nahm er im Auftrag der neuen Reichsregierung an den Versailler Friedensverhandlungen teil. Als Professor an der Hamburgischen Universität gehörte er zu den wenigen Verfechtern der Weimarer Demokratie unter seinen Kollegen. Die erste deutsche Friedensforschungseinrichtung – das Hamburger Institut für Auswärtige Politik – leitete er als Gründungsdirektor. 1933 wurde er aus wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen verdrängt und als »jüdischer Mischling« von der Universität zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Als er 1934 zum Rücktritt als Institutsleiter gezwungen wurde, ging er mit seiner Familie nach Großbritannien ins Exil. An der Universität Oxford bekam er eine Stelle als Fellow, die nur mit wenigen akademischen Pflichten verbunden war. Bald darauf erkrankte er schwer und verstarb.

 

Gustav Oelsner

»Die beinahe 10 Jahre Türkei sind für mich von unschätzbarem Wert. Umgeben von türkischen Freunden, feinen, ritterlichen Menschen, lernte ich eine große einheitliche Kultur rund sehen.«
Gustav Oelsner bei der Verleihung des von Alfred Toepfer gestifteten Fritz-Schumacher-Preises, 1950. In: Gedenkschrift zur Verleihung des Fritz-Schumacher-Preises der Stiftung F.V.S. zu Hamburg an Gustav Oelsner, 1950.

Der Architekt und Städtebauer Gustav Oelsner entstammte dem gebildeten jüdischen Bürgertum in Posen. Sein Beruf führte ihn nach Altona. Dort erarbeitete er als Bausenator unter Oberbürgermeister Max Brauer gemeinsam mit Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher einen Generalsiedlungsplan für das preußische Altona und das angrenzende Hamburger Staatsgebiet. In Altona schuf er im Stil des »Neuen Bauens« öffentliche Gebäude und Wohnquartiere. Die Nationalsozialisten lehnten seine Architektursprache als »undeutsch« ab und erteilten ihm Berufsverbot. Als »Nicht-Arier« definiert, ging er 1939 ins türkische Exil. Dort beriet er die Regierung in städtebaulichen Fragen und als Erdbebenspezialist. Bei seinen Studierenden hoch angesehen, baute er in Istanbul erste Professuren für Städtebau auf. Er bereiste entlegene Regionen des Landes und galt als ausgezeichneter Kenner der einheimischen Baukunst. Auf Einladung des Ersten Bürgermeisters Max Brauer kehrte er 1949 nach Hamburg zurück, um als Referent für Aufbauplanung am Wiederaufbau der zerstörten Stadt mitzuwirken.

 

Ingeborg Rapoport

»Abschiede flossen zusammen zu einer Wolke von Schmerz. Diese Wolke umgab und betäubte mich, so dass ich von den ersten Tagen der Überfahrt über den Ozean nicht einen einzigen Augenblick in Erinnerung habe.«
Ingeborg Rapoport: Meine ersten drei Leben, Berlin 2020.

Ingeborg Rapoport, geborene Syllm, Tochter eines Hamburger Kaufmanns und einer Pianistin jüdischer Herkunft, wurde in Kamerun (Afrika) geboren, wuchs aber im gutbürgerlichen Hamburger Stadtteil Eppendorf auf. Sie wurde protestantisch erzogen. Nach dem Medizinstudium verweigerte ihr die Hamburgische Universität 1937 als »Mischling ersten Grades« die mündliche Verteidigung ihrer Dissertation. Sie emigrierte in die USA und wurde dort eine angesehene Kinderärztin. Da sie – ebenso wie ihr Mann – als Kommunistin und Bürgerrechtlerin in den USA verfolgt wurde, kehrte sie 1949 mit ihrer Familie nach Europa zurück: zunächst nach Österreich, dann in die DDR. Sie habilitierte sich 1959, wurde Professorin an der Ostberliner Charité und begründete die Neonatologie: die Wissenschaft von der Rettung und Betreuung von Frühgeborenen. 1984 wurde sie für ihre Arbeit mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. 2015 holte sie im Alter von 102 Jahren an der Universität Hamburg die öffentliche Verteidigung ihrer Doktorarbeit nach und wurde promoviert.

 

Rosa Schapire

»Die Nazi(s) hatten mich so ausgeraubt, dass ich mit 10 Mark hier angekommen bin, mehr durften wir ja gar nicht aus Deutschland herausnehmen.«
Rosa Schapire an Karoline Wagner am 27.1.1948.

Rosa Schapire wuchs in Galizien in einer weltoffenen Familie des assimilierten jüdischen Bürgertums auf. Sie war gewerkschaftlich und frauenpolitisch aktiv. In Hamburg führte sie als freiberufliche promovierte Kunsthistorikerin ein selbstbestimmtes, ökonomisch unabhängiges Leben. Sie engagierte sich für die expressionistische Künstlergruppe Brücke, deren Werke von den Nationalsozialisten als »entartet« geächtet wurden, und kritisierte die Entfernung moderner Kunst aus deutschen Museen durch die neuen Machthaber. Aufgrund ihrer Haltung und ihrer jüdischen Herkunft wurde sie in ihrer Berufsausübung behindert. 1939 gelang es ihr nur knapp, der Deportation zu entgehen und mit einem Teil ihrer Kunstsammlung ins englische Exil zu fliehen. Abgeschnitten von den deutschen Freunden, litt sie unter dem Verlust ihrer Lebenswelt. Als Übersetzerin und Autorin verdiente sie nur mühsam ihren Lebensunterhalt. Deutschland betrat sie nie wieder. Nach dem Krieg beantragte sie eine Entschädigung für die Verfolgung durch die NS-Diktatur, doch sie starb, bevor es zu einer Entscheidung kam.

 

Karl Schneider

»Ich kann in diesem Land nicht mehr leben, es ist zu entsetzlich.«
Karl Schneider zu seinem Freund Richard Tüngel. DIE ZEIT vom 7.3.1946.

Der Architekt und Stadtplaner Karl Schneider wuchs als Sohn eines Tischlers in Mainz auf. Nach seiner Ausbildung arbeitete er in angesehenen Architekturbüros, u. a. bei dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius. 1921 eröffnete er in Hamburg sein erstes eigenes Architekturbüro. Nachdem er den Wettbewerb um das Wohngebiet Jarrestadt gewonnen hatte, realisierte er ab 1926 weitere wegweisende Wohnsiedlungen. Mit diesen Bauten sowie seinen modernen Landhäusern und Gebäuden für Kultureinrichtungen erwarb er internationales Ansehen. Ab 1932 war er als Vertreter des Neuen Bauens mit Anfeindungen der Nationalsozialisten konfrontiert. 1933 wurde er trotz der Fürsprache seiner Studenten als Professor an der Landeskunstschule Hamburg entlassen und mit einem Bauverbot belegt. Als »Kulturbolschewist« abgestempelt, wurden ihm Architekturaufträge entzogen. Er geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten und war in Hamburg zunehmend isoliert. 1938 folgte er seiner jüdischen Lebensgefährtin ins US-amerikanische Exil. In Amerika war Schneider zunächst als Produktgestalter für das amerikanische Kaufhaus Sears tätig. Die Fortführung seiner Architektur-Karriere wurde stark beeinträchtigt, da er erst kurz vor seinem Tod 1945 eine amerikanische Architekturlizenz erhielt.

 

Elsbeth Weichmann

»Asylanten sind die Ärmsten der Armen. Sie haben die Heimat verloren, ihre Geborgenheit in der Familie und alle kulturellen Kontakte. Heute ist unser liberales, im Grundgesetz verankertes Asylrecht wieder bedroht.«
Elsbeth Weichmann auf dem SPD-Bundesparteitag in Nürnberg, 1986, in: Uwe Bahnsen: Die Weichmanns in Hamburg. Ein Glücksfall für Deutschland, Hamburg 2001.

Elsbeth Weichmann, geborene Greisinger, wuchs in einer bürgerlich-liberalen protestantischen Familie in Mähren auf. Sie wurde 1926 mit einer Arbeit über den Leninismus promoviert und war in Berlin als Statistikerin tätig. Als ihr Mann Herbert Weichmann als Jude und Sozialdemokrat nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 bedroht war, ging sie mit ihm ins Exil. In Paris konnten sie gemeinsam als Journalisten Fuß fassen. Doch mit Kriegsbeginn wurden sie als Deutsche in Frankreich verdächtigt, der NSDAP-Auslandsorganisation anzugehören, und getrennt in Lagern interniert. Elsbeth Weichmann floh mit ihrem Mann in die USA und übernahm in New York nach einem Statistik-Kurzstudium wechselnde Jobs. 1949 folgte sie Herbert, der bereits nach Deutschland zurückgekehrt war, nach Hamburg. Von 1957 bis 1974 war sie Abgeordnete der SPD in der Bürgerschaft. Sie trat für die Förderung von Kultur ein, initiierte in der Hansestadt die erste Verbraucherzentrale Deutschlands und gab wegweisende Impulse für die Gründung der ersten »Leitstelle für die Gleichstellung der Frau«. Noch als über 80-Jährige kämpfte sie für die Unantastbarkeit des Asylrechts politisch Verfolgter.

 

Herbert Weichmann

»Wir leben jetzt hier wie in einem Traum … Ein Land, in dem die Menschen noch in Frieden leben, … in dem man nicht mehr als gejagtes Wild umherirrt, … wo man wieder das Recht auf Zusammenleben hat, das alles ist für uns eine überwältigende Tatsache.«
Herbert Weichmann an Otto Braun aus New York, ca. Ende 1940, in: Claus-Dieter Krohn (Hg.): Herbert Weichmann – Preußischer Beamter, Exilant, Hamburger Bürgermeister, Hamburg 1996.

Herbert Weichmann wuchs in Oberschlesien in einer angesehenen liberalen und religiös toleranten Familie auf. Ab 1928 war der promovierte Jurist Persönlicher Referent von Preußens Ministerpräsident Otto Braun. Als Jude und Sozialdemokrat von den Nationalsozialisten verfolgt, ging er 1933 mit seiner Frau Elsbeth ins Pariser Exil. Dort arbeitete er mit ihrer Hilfe als Wirtschaftsjournalist. Zu Kriegsbeginn wurde er zunächst als »feindlicher Ausländer« in Lagern interniert. Nach dem Waffenstillstand flüchtete er 1940 mit seiner Frau in die Vereinigten Staaten von Amerika. In New York war er als Wirtschaftsprüfer tätig. Er adoptierte Frank Weichman, den Sohn seiner in Auschwitz ermordeten Schwester, und kehrte 1948 auf Einladung des Hamburger Bürgermeisters Max Brauer nach Deutschland zurück. In Hamburg wurde er zunächst Präsident des Rechnungshofes und anschließend Finanzsenator, bevor er von 1965 bis 1971 das Amt des Ersten Bürgermeisters ausübte.

 

Gretchen Wohlwill

»Ich selbst habe mich ja so unendlich schwer zur Auswanderung entschlossen, obwohl das Leben für uns fast unerträglich geworden war. Aber ich hatte meine Freunde und zugleich die große Angst vor dem, was mich erwartete. Erst im März 1940 … erfolgte dann die entsetzliche Trennung.«
Gretchen Wohlwill: Lebenserinnerungen einer Hamburger Malerin, Hamburg 1984.

Die Malerin und Grafikerin Gretchen Wohlwill wuchs konfessionslos in einem liberalen, geachteten Elternhaus jüdischer Herkunft in Hamburg auf. Sie entwickelte einen von der französischen Avantgarde geprägten Malstil und war als Künstlerin erfolgreich. 1919 gehörte sie zu den Gründern der Hamburgischen Sezession. Als sie 1933 aus der Hamburgischen Künstlerschaft ausgeschlossen und aus dem Schuldienst entlassen wurde, zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Erst 1940 emigrierte sie schweren Herzens nach Portugal. Im Exil lebte sie in spärlichen Einkommensverhältnissen und hielt sich als deutsche Sprachlehrerin über Wasser. Sie litt unter der Trennung von ihren Freunden und unter Einsamkeit. Nach Kriegsende begann sie erneut zu malen und erwarb sich in Portugal hohes Ansehen. Im Alter von 74 Jahren kehrte sie nach Hamburg zurück. Sie setzte ihre künstlerische Arbeit fort und nahm die Freundschaft mit früheren Kollegen wieder auf. Der Berufsverband bildender Künstler in Hamburg ernannte sie 1959 zum Ehrenmitglied.

 

Peter Zadek

»Mein Vater (verbot) von dem Tag an, als wir nach England gingen, die deutsche Sprache. … Deutschland gab es nicht mehr. ... Ich habe mich verenglischt, ganz bewusst. Ich habe nur englische Sachen getragen, ich habe nur Englisch gesprochen, nur Englisch gelesen.«
In: Klaus Dermutz: Nahaufnahme Peter Zadek, Berlin 2007.

Der Regisseur Peter Zadek wuchs in einer gutbürgerlichen unorthodoxen jüdischen Familie in Berlin auf. Als Kind emigrierte er 1933 mit seinen Eltern nach Großbritannien. Er studierte Regietheater, lernte das Handwerk eines Filmcutters und drehte Dokumentarfilme. Nach dem Krieg erregten bereits seine ersten unkonventionellen Theater-Inszenierungen an kleinen englischen Bühnen Aufsehen. Zurück in Deutschland, revolutionierte er in den 1960er Jahren gemeinsam mit dem Intendanten Kurt Hübner das bürgerliche Bildungstheater. Der aggressive, antibürgerliche »Bremer Stil« machte das dortige Theater zu einer der wichtigsten deutschen Bühnen. Als Intendant in Bochum schuf Zadek sich mit gefeierten Revuen den Freiraum für sein radikales Regietheater. Nach Wanderjahren als freier Regisseur übernahm er 1985 die Intendanz des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Seine skandalträchtigen Inszenierungen, allen voran Frank Wedekinds Lulu, polarisierten das Publikum. Er verließ Hamburg 1989 im Streit mit dem Haus und arbeitete an großen deutschen Bühnen als freier Regisseur.

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