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auf der suche nach dem afikoman

Lockdown-Lektüre

Von Adriana Altaras

Montag, 6. April 2020 - 0:00
Adriana Altaras (© Gene Glover)

Vor einigen Tagen habe ich Raffis Geburtstag vergessen. Er hat mich angerufen, wegen einer Lappalie, wir haben diese lange erörtert und am Ende hat er gesagt, er gehe heute Abend zu einem Vortrag über Canetti. Schließlich habe er heute Geburtstag. Wie hatte ich den vergessen können! Tausendmal entschuldigte ich mich. Ich finde, Geburtstage sind heilig, man darf sie einfach nicht vergessen. Ich war bedrückt, Raffi tröstete mich, es sei völlig normal, Geburtstage zu vergessen. Er sagte, ich sei wie Levi. Levi riefe ihn immer zum Geburtstag an.

»Levi«, habe Raffi zu ihm gesagt, »wir sehen uns Jahre nicht, warum das Getue, warum rufst du mich am Geburtstag an?«

»Weißt du, Raffi«, habe dieser geantwortet, »ich bin im Krieg geboren, in diesem Krieg. Viele sind gestorben, ich lebe und deshalb haben Geburtstage für mich eine besondere Bedeutung.«

»Sag, Levi, wie viele Telefonnummern und Geburtstage kennst du denn?«

»Auswendig? 300, Raffi.«

»Ist das normal?«, fragte Raffi mich. »Ist Levi normal?«

Normal. Hm. Normalität muss so etwas sein wie »in sich ruhen« oder ein »Spartarif«. Alles Dinge, von denen behauptet wird, dass es sie gibt. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich bin ihnen noch nie begegnet.

Ich weiß nur eins: Wir sind immer noch in Deutschland, nicht in Amerika und Raffi ist nicht in Israel. Nein, er ist dann doch nicht ausgewandert. Dafür ist er zu klug. Er schwärmt weiter vom Heiligen Land, von der großartigen Stadt Tel Aviv, ohne sie durch seine Gegenwart zu entzaubern. Das ist schlau. Die deutschen Fernsehzuschauer hängen nach wie vor an seinen Lippen und lassen sich in Sachen Deutsche und Juden, Liebe und Depression, jüdische Befindlichkeiten und deutsche Animositäten informieren. Ich finde es eine gelungene Symbiose. Beide Teile leiden zuweilen, genießen ihre Abhängigkeit voneinander und haben immer etwas zu diskutieren.

Keine zwei Tage später rief mich Raffi erneut an. Dieses Mal verzweifelt. Er bat mich, den Vorabend des Pessachfestes, den Seder, bei mir auszurichten, denn er hätte Heimweh. Wonach genau, könne er nicht genau sagen. Mit Heimweh lässt sich nicht spaßen. Ich ließ mich breitschlagen und ging einkaufen …

Mein erstes Pessachfest war ein traumatisches Erlebnis und fand in Brüssel statt. Warum gerade in Brüssel? Wahrscheinlich hielten meine Eltern es irgendwie für exotisch. Was es auch wirklich wurde. Meine Eltern waren in einem Anflug von Religiosität mit mir dorthin gefahren. Ich war 12 Jahre alt und hatte bis dahin kaum jüdische Feste begangen, außer gelegentlich Chanukka. Und das auch nur, wenn wir nicht zeitgleich wegfahren konnten und somit »Handlungsbedarf« bestand. Dann stellten sie einen winzigen Chanukkaleuchter auf, kauften einen noch kleineren Plastikweihnachtsbaum und sangen mir rasch die nötigsten Chanukkalieder vor. Schenkten mir Briefmarken, Goldmünzen oder sonst etwas Nützliches und setzten sich erleichtert vor die Tagesschau. Erst später, im Alter, legten sie ihre sozialistisch bedingte Scheu vor der Religion ab.

Die Zeremonie damals in Brüssel dauerte 5 Stunden und fand auf Hebräisch statt, mit belgischen Erklärungen. Noch Jahre danach wollte ich weder nach Brüssel fahren noch Pessach feiern.

Der Sederabend ist dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten gewidmet. Gemeinsam am Tisch sitzend wird die Haggadah gelesen, die an die Stationen und Wunder bei diesem 40 Jahre währenden Marsch erinnert. Da die Juden sehr plötzlich und heimlich loszogen, hatte das Brot keine Zeit zu gären. Im Gepäck also befand sich der Teig, der heute als Mazze berühmt geworden ist.

Eigentlich sind sich alle Juden einig, dass ihre Feiertage folgendermaßen aufgebaut sind: »Man wollte uns töten, wir haben gesiegt, kommt, lasst uns essen.« Dummerweise hält sich niemand daran, gerade das Pessachfest ist mit einem enormen Aufwand verbunden. Die Wohnung muss zunächst »koscherle-pessach« gemacht, das heißt geputzt und von allem Brot und Mehl befreit werden. Der geschickteste biblisch verordnete Frühjahrsputz, den man sich vorstellen kann! Dann wird der Sederteller vorbereitet, auf dem die an den Auszug erinnernden Speisen platziert werden: Unter anderem Salzwasser der geflossenen Tränen wegen, Bitterkraut, um an die bittere Zeit der Sklaverei zu erinnern, gekochte Eier als Zeichen für Vergänglichkeit und Fruchtbarkeit und noch einige symbolgeladene Nahrung mehr. Ein Jahresurlaub genügt kaum, um mit allem fertig zu werden.

»Gehören die alle zu ihm?«, fragt Sammy mich in der Küche leise. Raffi hat die Einladung zum Sederabend sehr wörtlich genommen und in biblischer Größe gleich vier Frauen mitgebracht: erstens seine aktuelle Geliebte, eine neue Israelin, wunderschön und ebenso kompliziert. Zweitens seine Ex, die Mutter seiner Tochter, eine Übergetretene. Sie stammt aus der Zeit, als er noch mit Nichtjüdinnen anbändelte … Drittens eine sehr junge, ebenfalls sehr schöne und stille Frau mit einem Baby, die er zurzeit hofiert. Dazu seine Tochter. Ich habe zwei Nichtjuden eingeladen und Davids jüdischen Patenonkel Aron. Wir sind zu dreizehnt, der vierzehnte Platz ist für den Propheten Eliahu Ha-Navi reserviert.

Die ersten zwei Stunden der Gebete haben wir hinter uns und sind noch immer nicht aus Ägypten herausgekommen. Drehen und wenden Vers um Vers, die Bedeutung der Begriffe Sklaverei und Freiheit, zu jeder Erklärung gibt es eine geistreiche Alternative. Raffi versteift sich auf die These, die Juden seien in Ägypten gar keine Sklaven, sondern ganz normale Gastarbeiter gewesen. Es ist nicht leicht. Die übergetretene Ex kennt sich aus. Leider. Unter ihrer Kontrolle werden ausnahmslos alle Verse gesungen, kein Gebet abgekürzt, kein Ritual ausgelassen. Wenn es nach ihr ginge, wären wir wahrscheinlich noch immer in Ägypten und der Auszug hätte statt langer 40 Jahre noch längere 8000 Jahre gedauert: Armes Volk Israel!

Sie ist aus Liebe zu Raffi übergetreten, ist für den Unterricht über ein Jahr regelmäßig nach New York zu einem orthodoxen Rabbiner geflogen. Kaum hatte sie die Prüfung unter schwerstem rabbinischem Diktat bestanden, hat Raffi sie verlassen. »Mit einer Übergetretenen? Niemals!«, sagte er. Nun rächt sie sich und lässt uns für unsere Religion bluten.

Ich denke mir, das Meer wird sich schon rechtzeitig vor uns teilen und sie hinter uns verschlucken.

Die Kinder und mein Mann Georg sind heimlich im Arbeitszimmer verschwunden und schauen den UEFA-Pokal, die Israelin telefoniert laut und aufgebracht mit Tel Aviv, und die stille Schöne wickelt das Baby auf dem Wohnzimmerteppich, während Raffi ihr versonnen die Feuchttücher reicht.

Aron, Davids Patenonkel, ist einer meiner ältesten Freunde in Berlin. Er war früher Leiter des Jüdischen Jugendzentrums, unter ihm hat die Einrichtung an Format gewonnen. Alles, was ich über das Judentum weiß und mag, verdanke ich ihm.

Dem muffigen Galinski gefiel Arons aufgeklärte Haltung nicht, er musste gehen. Noch immer liebt er Israel, ohne zu indoktrinieren, glaubt an den jüdischen Berliner, an den Berliner Juden, der nicht totzukriegen ist. Darüber ist er fast 60 und sehr dick geworden. Arons Mutter Leah, eine resolute kleine Frau, polnische Jüdin, hat ihren Mann in einem Camp für Displaced Persons in Hessen geheiratet. Sie sind später nach Düsseldorf gezogen, wo sie auf dem Markt Kleider verkaufte, viermal die Woche. Leah spricht Jiddisch und Polnisch, etwas Russisch – und jiddisches Deutsch. Ihr gefilter Fisch und ihre Blaubeertaschen sind über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus berühmt. Eine Zeit lang gab sie immer mal wieder Kostproben ihrer jiddischen Küche im regionalen Fernsehen. Wenn Aron nicht aufaß, wurde sie schwermütig. Sie hatte im Lager gehungert. Sie würde auf der Stelle sterben, wenn er nicht aufaß. Arons Großmut ist bekannt. Er aß auf, immer und alles und überall – gesund ist das nicht.

Jetzt greift er langsam ein und bringt der Übergetretenen bei, dass Beten, ohne zu essen, über kurz oder lang zum Exitus und nicht zum Exodus führt und dass sie daran denken solle, was ihr orthodoxer amerikanischer Lehrer dazu sagen würde. Für eine Weile haben wir Ruhe.

Die beiden nichtjüdischen Freunde sind schwer beeindruckt, sie kommen vom Theater und sind somit für Dramen nicht unempfänglich. Eigentlich beten vor allem sie – gründlich und ernst. Ich fürchte nur, am Ende wollen auch sie übertreten, der Masochismus im Menschen ist unausrottbar. Ich stehe auf, renne herum, reiche allen Eier, Petersilie und sonstige Zutaten, während unter meinen Füßen – eigentlich schon überall – die Mazze bröselt und knirscht. Ein Stück Mazze, den sogenannten Afikoman, haben wir gut versteckt. Der Finder, so der Brauch, wird belohnt werden.

Nach gut drei Stunden sind wir endlich erschöpft bei der Suppe mit Mazzeknödeln angekommen. Es ist ein schönes Fest. Keiner hat sich bisher gestritten, ja, es ist ein gelungener Sederabend. Es folgen drei mittelschwere Fleischgerichte mit Beilagen.

Der Reflex, sich schlafen zu legen, ist zu diesem Zeitpunkt am größten. Doch da erst am Schluss des Rituals die schönsten Lieder kommen, singen und beten wir tapfer weiter, während die Kinder in der ganzen Wohnung lauthals den Afikoman suchen. Wir haben dem Eliahu Ha-Navi Wein eingegossen, uns zur Tür gewendet und ihn gebeten, doch recht bald zu kommen, schließlich warten wir schon 5760 Jahre auf ihn. 5760 Jahre! Mangelndes Durchhaltevermögen kann man uns wahrlich nicht nachsagen. Und wir haben uns gegenseitig versprochen: »Nächstes Jahr, ja, nächstes Jahr in Jerusalem! Ganz bestimmt werden wir uns dort alle treffen! Dieses Jahr noch hier, nächstes Jahr im Gelobten Land. In der Freiheit, da, wo wir hingehören! Ja, Ja!«

»Jaaaahh!!!« Ein Schrei geht durch die ganze Wohnung! Die Kinder haben das Stückchen Mazze gefunden. Sofort beginnt eine brutale Schlägerei im Flur, an deren Ende erst die geerbte Porzellanschüssel zerbricht, dann die übergetretene Ex indigniert die Wohnung verlässt. Ich beginne langsam zu bereuen, dass ich mich zur Ausrichtung des Festes bereit erklärt habe. Nächstes Jahr in Jerusalem, meinetwegen, nur nicht wieder bei mir! Raffi versucht währenddessen, die stille Schöne zu küssen, das Baby schreit sofort los, die stille Schöne lacht, die Israelin hat sich im Bad eingeschlossen. Georg bringt seelenruhig die Kinder ins Bett, während Aron den beiden Nichtjuden die Notwendigkeit der 10 Plagen ausführlich erläutert. Und ich, die ich alles so brav organisiert habe, ich Unverwüstliche, fange an zu weinen. Es bricht aus mir heraus. Alles, was sich im Laufe der letzten Zeit angesammelt hat. Die Trauer um die Eltern, um den Vielleicht-Bruder, das Gezerre um das Testament, die rauchende Rote vom Friedhof in Zagreb, die Kroaten und die Restitutionsansprüche, der Holocaust und der Prophet.

»Der Prophet! Glaubt ihr wirklich, er wird noch kommen? Wieso ist er nicht schon längst da? Er ist in Miami, in Odessa oder sonst wo und kümmert sich einen Dreck um sein Volk! Sein auserwähltes. Wie sich nie jemand um uns kümmert, nie, nie, nie!« Ich sitze am Tisch, heule und trinke in großen Schlucken das Glas mit dem schrecklich süßen koscheren Wein des Propheten leer. In Notsituationen ist Raffi bekanntlich unbezahlbar. Aus seinem Boss-Jackett nimmt er einen silbernen Flachmann, reicht mir den Wodka. »Trink das. Ist garantiert koscher und wirkt sofort. Du nimmst den Propheten, fürchte ich, zu konkret, zu wörtlich. Vielleicht gibt es ihn. Vielleicht ist er in den USA. Vielleicht unter uns. Wahrscheinlich aber gibt es ihn gar nicht. Der Prophet ist sicher wesentlich für unsere Religion. Ob er noch kommt und wann, beschäftigt ganze chassidische Zirkel. Aber für den Seder heute Abend würde ich vorschlagen: Er kommt nicht. Wir nehmen einfach das Dessert.« Spricht’s und wendet sich dem schreienden Baby zu.

Als ich den Tisch abdecke nach diesem einmaligen Sederfest, ist es schon fast zwei Uhr. Ich setzte mich und esse das Mazzestück, den Afikoman, langsam auf.

Manchmal wäre ich lieber das erlöste, nicht das auserwählte Volk.

Aus: titos brille – die geschichte meiner strapaziösen Familie von Adriana Altaras
© 2011, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags. 

Adriana Altaras wurde in Zagreb geboren und ist in Italien und Deutschland aufgewachsen. Sie ist Schauspielerin, Theater- und Opernregisseurin und Autorin von Romanen und Geschichten. www.altaras.eu