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Ein Rundruf

Lockdown-Lektüre

Von Peter Stephan Jungk

Freitag, 8. Mai 2020 - 9:00
Foto Jungk

Ich rufe die ältesten meiner Pariser Freunde an, will hören, wie es ihnen geht. Beginne beim Doyen der Runde: Der legendäre Dokumentarfilmer und Schriftsteller Georg Stefan Troller wird im Dezember 99 Jahre alt. Vor wenigen Tagen sollten wir im Jüdischen Salon am Grindel einen gemeinsamen Abend bestreiten, wie schade: er musste abgesagt werden. Yamze, Trollers aus Georgien stammende Hausangestellte, hebt das Fixtelefon ab, sie kümmert sich um ihn seit dem Tod seiner Frau, vor zwei Jahren. Sie weint, als ich sie bitte, mich zu verbinden. Ich erschrecke. Heulend sagt sie: „Un moment s’il vous plaît…!“ Und reicht den Hörer weiter. Troller antwortet mit tiefer, sonorer Stimme, ich frage ängstlich: „Alles in Ordnung bei dir? Warum weint Yamze denn?“ Er lacht: „Sie schneidet gerade Zwiebel!“ Er hat das Haus seit zwei Monaten kein einziges Mal verlassen, das stört ihn nicht: „Bei mir? Alles bestens! Ich hab so viel zu tun, zu lesen, alte Unterlagen zu ordnen, ich gebe Interviews, zuletzt dem ‚Spiegel‘: Anlässlich dem Kriegsende vor 75 Jahren, als ich als amerikanischer Soldat nach München kam, in Hitlers Wohnung stand und anschließend das befreite KZ Dachau sah. Entsetzliche Bilder, die ich nie vergessen kann.“ Seine Haushilfe erledige alle Besorgungen, er fühle sich gesund und kräftig. „Meine Hüfte macht mir manchmal zu schaffen – aber davon abgesehen? Alles in Ordnung, danke der Nachfrage!“ Zu seinen Vorsichtsmaßnahmen zählt, die New York Times mit Gummihandschuhen zu lesen, „man kann ja nicht wissen, durch wie viele Hände die Zeitung gegangen ist, bevor sie mir täglich geliefert wird.“ Nach längerem Gespräch lässt Troller mich wissen: „Du: meine Katze Strupsi klettert gerade auf mir herum und fragt mich, warum ich mit anderen Leuten spreche, als mit ihr. Ja, Strupsi, ja, gleich! Jetzt schmiegt sie das Köpfchen gegen meine Schulter – und die Krallen kommen heraus, ahh!, das ist wie Akupunktur. Tut mir leid, ich muss dich lassen!“  

Der nächste Ruf gilt einem anderen Georges: dem Schriftsteller und Übersetzer Georges Arthur Goldschmidt, er wurde am 2. Mai 92 Jahre alt, es geht ihm blendend. Einkäufe erledigt er selbst, gemeinsam mit seiner Frau: „Lucienne trägt Maske, ich nicht!“ Als ich ihn bitte, ab sofort unbedingt Maske zu tragen, wenn er das Haus verlasse, entgegnet er: „Ich habe bisher keine finden können! Keine Apotheke hat sie zum Verkauf, überall ausverkauft, oder Lieferungen, die nie eingetroffen sind!“ Er erzählt, der Verlag Gallimard habe nahezu seine gesamte Belegschaft „provisorisch entlassen“, verglichen mit Deutschland sei Frankreich bisher wirklich nicht sehr gut mit der Krise umgegangen, „wir zockeln den anderen hinterher! Das hat nicht zuletzt mit der Zentralisation in Frankreich zu tun, die hier seit dem Mittelalter vorherrscht…“ Er will mir sein neues Buch ‚Vom Nachexil‘ zukommen lassen, behauptet, es sei das letzte, das er in seinem Leben publizieren wolle. „Das glaube ich Ihnen nicht!“ „Doch! Glauben Sie’s mir. Ich kann ja nichts erfinden. Habe in meinen Büchern immer nur um meinen Nabel herumgetrottelt. Die Altersverschlotterung hat mich total ereilt. Auch mit meinem Deutsch fängt es tüchtig an, zu hapern. Meine  Sprache, die noch von der Familie her sehr ver-thomasmannt ist, hat nichts mehr mit dem heutigen Deutsch zu tun, oder?“ Er lege übrigens mit Leidenschaft Patiencen und widme sich jetzt gleich wieder einem Spiel, das er für unser Gespräch unterbrochen hat.

Der Schriftsteller Paul Nizon wurde im Dezember neunzig Jahre alt. Ich erreiche ihn auf seinem Mobiltelefon. „Ich habe die Einsamkeit in der dunklen Pariser Wohnung nicht mehr ausgehalten, du konntest ja auch nicht zu Besuch kommen, ich bin jetzt seit ein paar Tagen in der Schweiz, in Baden nahe Zürich, zu Besuch bei meiner Tochter Valerie.“ „Wie hast du das geschafft? Man darf doch das Haus nicht verlassen, das Land schon gar nicht!“ „Die Schweizer Botschaft hat mir geholfen: Man setzte für mich eine Sondergenehmigung durch. Ein Freund meines Sohnes kam mich mit dem Auto abholen, alles klappte wie am Schnürchen!“ Er ist ungemein glücklich, der Enge seiner Erdgeschoßwohnung in Montparnasse entkommen zu sein – seine Tochter und deren Ehemann verwöhnen, verhätscheln ihn. „Wann kommst du zurück?“, frage ich. „Das weiß niemand! Das alles kann - vor allem für uns Ältere - noch sehr, sehr lange dauern.“ Er erkundigt sich nach meinen Neuigkeiten, ich erzähle vom Tod eines nahen Freundes, vor zwei Wochen, hier, in Paris, ein kerngesunder Mann Mitte sechzig, den die Krankheit ausgelöscht habe. „Hast du was von Handke gehört?“, will Paul wissen, „wie geht es ihm?“ Die beiden Männer sind seit Jahrzehnten befreundet, einander anzurufen käme beiden niemals in den Sinn.  

Ich rufe den jüngsten in der Runde an, mit 77 Jahren könnte er altersmäßig Trollers Sohn sein: Der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2019 genießt die Monate des confinement, sein Tagesablauf unterscheidet sich allerdings nicht wesentlich von seinem „normalen“ Leben. Abgesehen von den abendlichen Besuchen in der Stadt, etwa jeden zweiten, dritten Tag, bei Sophie, seiner Frau. Sie kommt nun ein Mal in der Woche zu ihm, an den Stadtrand, nach Chaville. Am glücklichsten sei er, sagt Peter Handke, wenn er kurz vor der Abenddämmerung an einen der Teiche nahe seinem Haus spaziere und dort auf das Einsetzen der Dunkelheit warte. Bis die ersten Sterne auftauchen und zahllose Fledermäuse knapp über seinem Kopf hinwegzischen. „Und sobald es dann finster ist, gehe ich am Bahnhof vorbei, der die ganze Nacht hindurch grell erleuchtet bleibt. Menschenleer ist es dort und kaum je donnert ein Zug durch die Station. Aber die Füchse aus der ganzen Gegend scheinen hier zusammen zu treffen! Herrlich, ihnen zuzusehen, beim Spielen, bei ihren Rendezvous, ein absolutes Vergnügen.“ Das also sei der berühmte Ort, an dem sich die Füchse gute Nacht sagen, werfe ich ein. „So ist es!“ Zum Abschied erkundigt er sich: „Wie geht es eigentlich Troller? Ihr sprecht doch öfters, oder? Und Goldschmidt? Und Nizon?“

Kaum ist der Rundruf abgeschlossen, als sich die Vermieterin meines Arbeitskämmerchens bei mir meldet, dem chambre de bonne im siebenten Stockwerk. Sie erinnert mich an die Miete für den Monat Mai. Madame G. ist 85 Jahre alt, sie bittet mich, das Geld wie unlängst in einem Kuvert unter ihren Türschlitz zu schieben. Sie klagt, wie unendlich schwierig die derzeitige Situation für sie sei, sie halte das staatlich angeordnete Eingeschlossensein und die damit verbundenen Besuchsbeschränkungen verschiedener Familienmitglieder nicht länger aus. Ob sie sich an eine Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erinnere, frage ich, die ähnlich ungewöhnlich, zum Teil beängstigend erlebt werde wie die nun vergangenen zwei bis drei Monate? „Wissen Sie“, entgegnet Madame G., „viele ältere Menschen wie ich, aber auch weit ältere, zum Beispiel Verwandte meines verstorbenen Mannes, die Mitte neunzig sind und am Land leben, wir alle sagen: Es ist jetzt ärger, als im Krieg. Damals konnte man ja im Grunde normal leben. Normal einkaufen gehen, seine Familie besuchen, die Preise in den Geschäften waren niedrig, es gab diese Ängste nicht!“ Ich verstumme. „Ja, ich weiß“, fährt sie fort, „Ihre Leute haben mehr gelitten, als wir Franzosen, nicht wahr?“ Ich verabschiede mich einsilbig. Es hat wenig Sinn, Madame darauf aufmerksam zu machen, dass meine Großeltern mütterlicherseits, die im Krieg in Frankreich versteckt waren, in Bordeaux von französischen Kollaborateuren aufgegriffen und nach Drancy nahe Paris verbracht wurden, bevor ein Transport mit rund Eintausend Juden sie nach Auschwitz deportierte. Alle Insassen des Konvois 31 vom 11. September 1942, bis auf dreizehn Männer - ich nehme an: junge, noch kräftige Männer - wurden sofort nach der Ankunft an der Rampe in die Gaskammern getrieben.

Ich lege das Telefon beiseite, genug für heute, will zu einem Spaziergang aufbrechen, ausgerüstet mit Maske und Kopfhörern; freue mich auf den neuesten Podcast der New Yorker Radio Hour, der mich auf meinem Weg durch die Frühlingssonne begleiten wird. 

 

© Peter Stephan Jungk 

Paris, 8. Mai 2020

Peter Stephan Jungk wurde 1952 in Kalifornien geboren und wuchs in Wien, Berlin und Salzburg auf. Er arbeitete am Theater und studierte Film. Er ist Autor von Romanen, Biografien und Drehbüchern, Übersetzer von Theaterstücken sowie Regisseur von Dokumentarfilmen. Zuletzt erschien bei S. Fischer die Lebensgeschichte seiner Großtante: "Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart“. Er lebt seit 1988 mit seiner Familie in Paris.