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Krise

Lockdown-Lektüre

Von Esther Dischereit

Donnerstag, 11. Juni 2020 - 9:00
Esther Dischereit (© Bettina Straub)

Ich wollte unbedingt zu James Agee und Walker Evans, die 1936 durch den mittleren Süden der USA reisten. Der Schriftsteller und der Fotograf unternahmen eine Reise zur Erforschung bestimmter „normaler Notlagen“, „eine Anstrengung in menschlicher Wirklichkeit“, wie sie sagten. Franklin D. Roosevelt und New Deal. Was wollte ich in Alabama? Und dem Mangel an Sozialversicherung?

Oder ich reise zum guten Leben als einer Alternative zur imperialen Lebensweise. Das ist täglich duschen und Lebensmittel kaufen zu jeder Tages- und Nachtzeit und aus allen Kontinenten dieser Erde und sehr, sehr wenig dafür bezahlen. Weil andere dafür bezahlen, andere, die irgendwo weit weg leben. Noch nie ist mir die Welt so zusammengerückt vorgekommen. Heuschreckenplage oder Bienensterben, ich bin ja ein Stadtmensch. 50 Milliarden Paket Hilfsfonds ---- ob es mit einem New Deal getan sein wird? Ich weiß es nicht. Millionen hungriger Menschen schauen auf meinen Teller aus Meißner-Porzellan oder Rosenthal-Geschirr, aber nicht Bollhagen, nicht Hedwig Bollhagen. Das war die DDR. Abwickeln, Warteschleife, das war in den neunziger Jahren und dann der Solidaritätszuschlag. Wer kauft mir Bananen dafür, dass ich das System überstehe?

Bloß nicht alles aufessen jetzt, das ist ein Unsinn. Umverteilen.
Jetzt müssen wir sicher einen Solidaritätszuschlag aufbringen: in Europa und außerhalb Europas.
Ich könnte auch Pudding kochen und auf den Straßen verkaufen und würde Leuten, die ihre Wohnung wegen Arbeitslosigkeit verlieren, ein Zimmer vermieten. Die Wertpapiere meiner Eltern taugen weniger als Papiertischdecken.

Es könnte einen Crash geben, in dem sich die Diktatoren aller Länder noch einmal ihrer Waffenlager versichern und das Volk übernehmen wollen, andererseits haben viele Menschen den Geschmack der Freiheit schon einmal auf der Zunge gehabt. Den Geschmack der Freiheit aufgeben? Rosa Luxemburg schaute aus dem Fenster ihrer Gefängniszelle und beobachtete das Gedeihen eines Löwenzahns. Einer Pflanze, die emporwuchs ohne darum gebeten worden zu sein. Das Kapital frisst sich selbst auf, wenn wir es nicht daran hindern. Zumindest könnten wir, was das gute Leben betrifft, zum Subsistenzgedanken zurückfinden. Wenn ich zum Subsistenzgedanken zurückfinde, dann muss es Vermögenssteuern geben und eine Begrenzung des Profitstrebens. Mir fällt das Ahlener Programm der CDU, der christdemokratischen Partei, der Konservativen in Deutschland ein, als sie schrieben, „dass die Zeit der unumschränkten Herrschaft des privaten Kapitalismus vorbei sei.“ Das Programm entstand unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Bei den Älteren sind jetzt auch die Bilder des Zweiten Weltkriegs wieder erschienen, als die Züge nicht mehr fuhren, keine Wasserhähne tropften, weil es sowieso kein fließendes Wasser gab.

Deshalb hat die Deutsche Bahn wohl ihre Züge leer weiterfahren lassen, auch die U- und S-Bahnen in Berlin fuhren weiter und weiter.
Müssen sie wieder so vollgepackt sein wie ehedem? Überhaupt könnte man weniger arbeiten. Es ist ungesund, soviel zu arbeiten. Wie es auch ungesund für jegliche Natur ist, sosehr von Lärm, Gestank und Raubbau betroffen zu sein. Das können jetzt viele einsehen. Wenn ich nicht mehr verdienen muss, als ich gebrauchen kann, dann erhält die Arbeit für Andere buchstäblich mehr Wert. Ich könnte auch mein Mobilitätskonto einfrieren. Das Mobilitätskonto? Damit wird festgelegt, wieviel ich – sagen wir – in sieben Jahren – unterwegs sein kann.
Im achten Jahr, sorry, Entschuldigung, ich kann nicht kommen, es ist wie ein verordnetes Sabbatjahr. Da darf ich nicht fahren. Arbeitszeitkonten gibt es schon lange. Warum kein Mobilitätskonto?

Vielleicht wird es so kommen, dass die, die eine Arbeit und eine Wohnung haben, eine lausige Minderheit sind. Eine beneidete kleine Clique. Ihnen wird ihr jährliches Weltreisekontingent nicht eingeschränkt werden, sie können weiter Emissionen über den Erdball schicken und Ausflüge zum Mond planen, weil die Antarktis schmilzt und die Bären in den Wäldern an Krankheiten sterben, die etwas mit der Wärme zu tun haben. Sie suchen das Leben anderswo. Der Gesellschaft ihre Krankenhäuser wieder zurückzugeben, bleibt ein frommer Wunsch. Die Krisengewinnler sind wohlauf und weigern sich, die Medikamentenpreise erschwinglich und zugänglich zu halten.

Wir suchen Ausreisepapiere zusammen, bitten Kontinente um Aufnahme, stellen Gesuche nach Einwanderung bei denen, die verschonter geblieben waren. Jetzt könnten die nationalen Grenzen fallen, weil die, die gehen oder wandern, ohnehin mehr sind als die, die nicht gehen. Vor allem die Jüngeren versuchen zu gehen. Mein Freund schreibt gerade ein Vorwort zu einem Opern-Buch. Das will mir unwirklich vorkommen. Wir erleben das Drama gerade, so schrecklich wie bei Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg oder Medea von Luigi Cherubini. Am Ende sind die meisten Mitwirkenden tot. Sie starben einen sozialen oder naturgewaltigen Tod oder von Mörderhand. Wir spielen mit, weinen über die Toten, als gehörten wir nicht dazu. Im Tod ist es nicht mehr wichtig, ob ich schwarz oder jüdisch gewesen war, oder weiß.

Der Tod überwindet die Colorline, von der Du Bois sprach. Du Bois, der nach einem Besuch im Jahr 1949 in Warschau, da, wo das Warschauer Ghetto gewesen war, wusste, dass Rassismus nicht nur für Schwarze tödlich war. Bloß jetzt, ein dreiviertel Jahrhundert später, liegen auf der einen Seite mehr als auf der anderen.

© Esther Dischereit
Eine Produktion für Danach-Gedanken, einer Sendereihe
des Goethe-Instituts, 2020. Abdruck mit freundlicher Genehmigung. 

Link zum Hörspiel

Esther Dischereit lebt in Berlin. Die Autorin, Lyrikerin, Theater- und Hörstückautorin wird mit ihren literarischen Werken „Joëmis Tisch – Eine jüdische Geschichte“, 1988 und „Übungen jüdisch zu sein“, 1996 als eine der wichtigsten Stimme der Jüngeren jüdischen Literatur, der zweiten Generation nach der Shoah in Deutschland, bezeichnet. Zu den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erschien ihr Werk „Blumen für Otello. Über die Verbrechen von Jena“. 2014. Im Jahr 2020 veröffentlichte sie in deutscher und englischer Sprache den Gedichtband: „Sometimes a Single Leaf“, übers. von Iain Galbraith. „Mama darf ich das Deutschlandlied singen“ ist eine Sammlung von Essays, 2020.